Beschik-Toi – Wie Kirgisen die Geburt eines Kindes feiern

01.06.2018*

von Aishat Sharshekeeva, Altynai Kaldarbekova

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Eine kirgisische Mutter singt ihrem neugeborenen Kind ein Wiegenlied

Die Geburt eines Kindes ist bei Kirgisen ein wichtiges Ereignis und das Wiegenfest, die Beschik-Toi, wird groß gefeiert. Nachdem die Kleinen ihren Namen bekommen, fängt der Wiegenfeiertag an. Die Schülerinnen Ajschat Scharschekeeva und Altynai Kaldarbekova erklären diese Tradition und die Bedeutung der beliebtesten kirgisischen Vornamen.

Wenn in einer kirgisischen Familie ein Kind geboren wird, überbringt ein Familienmitglied diese Nachricht den anderen Verwandten, z. B. den Eltern und Großeltern . Weil er oder sie diese gute Nachricht als erster überbringt erhält dieser Verwandter ein kleines Geschenk, das Süiüntschü, meistens ein wenig Geld.

Die wichtigste Periode im Leben des Neugeborenen sind die ersten 40 Tage. Die Zahl 40 hat für Kirgisen eine symbolische Bedeutung. Die Schwangerschaft dauert 40 Wochen und die Säuberung der Frau nach der Geburt ist auch mit dieser Zahl verbunden.

Die Großmutter des Kindes führt während einer Beschik-Toi ein Ritual durch.

Kohle zum Schutz vor dem bösen Blick

Verschiedene kirgisische Bräuche sollen das Kind nach der Geburt vor bösen Geistern und Krankheiten schützen. Deshalb zünden die Verwandten im Laufe von 40 Tagen jede Nacht eine Lampe neben der Wiege des Kleinen an, nähen ein Amulett mit einem zugenähten Spruch aus dem Koran an seine Kleidung an. Um das Kind vor dem bösen Blick zu bewahren, schmieren sie seine Stirn mit schwarzer Kohle ein.

Nach 40 Tagen lädt die Familie Verwandte und Freunde zum Wiegenfest, der Beschik-Toi, ein. Es findet zu Hause oder in einem Restaurant statt. Nicht alle können im Restaurant feiern, deshalb führen viele diesen Feiertag zu Hause durch. Wegen der großen Menge der Gäste kann das einige Tage dauern. Zuerst kommen die engsten Verwandten, dann die entfernteren Verwandten, dann Freunde und Kollegen und schließlich die Nachbarn.

Essen gehört zur kirgisischen Tradtion. Wenn der ausländische Partner nicht weiß, wie der Brauch funktioniert, kann das schnell als Beleidigung wahrgenommen werden

Das erste Wiegenlied

Mira Kaldarbekovna (50) hat schon viele Wiegenfeste miterlebt.
„Nach dem Brauch müssen die Eltern der Mutter die Wiege vorbereiten,“ sagt sie. „Sie ölen die Wiege ein und räuchern sie mit Wacholder aus. Die Großmütter des Kindes segnen sie und bedecken die Wiege mit verschiedenen Decken. Dann wird die Wiege in die Hände der Mutter übergeben. Sie geht, die Wiege haltend, bis zur Schwelle und zurück und verbeugt sich dabei vor allen Gästen.“

Dabei segnen die Gäste die Mutter mit dem Kind und die Mutter singt zum ersten Mal ein Wiegenlied, zum Beispiel dieses:

Aldey-aldey (Gute Nacht), Kleine
Aldey-aldey (Gute Nacht), Kleine
Respektiere und sorge für das Volk
Sei fleißig, Kleine
Sei sorgsam, Kleine
Aldey-aldey (Gute Nacht), Kleine.

Eine kirgisische Mutter singt ihrem neugeborenen Kind ein Wiegenlied

Natürlich gibt es bei einem Wiegenfest reichlich zu essen. Man schlachtet oft einen Hammel und kocht das Fleisch in einem großen Kessel. Später bereitet man damit Besch-Barmak zu. Außerdem brät man Boorsok, frittiertes Hefegebäck.

Verschiedene kirgisische Delikatessen aus Fleisch

Alle sind festlich angezogen. „Die Mutter soll anständig und ordentlich aussehen und geschlossene Kleidung tragen. Sie soll unbedingt ein Tuch und einen Kittel oder ein bescheidenes Kleid anziehen“, sagt Mira Kaldarbekovna.

Kirgisisches Boorsok, frittiertes Hefegebäck

Geschenke für die Eltern

Die Gäste bringen ein Geschenk mit, das Köründük, mit dem sie die jungen Eltern unterstützen wollen. Meistens besteht es aus Geld oder nützlichen Sachen. Allgemein ist Köründük ein Geschenk, das Kirgisen einander geben, wenn sie etwas neues bekommen haben, ein Haus oder ein Auto, oder wenn es ein neues Familienmitglied gibt.

Wer es sich leisten kann, feiert im Restaurant. Dort dauert das Fest nur einen Tag, weil alle Gäste zusammenkommen. Interessant ist, dass hier unter Anleitung eines Moderators, dem oder der Tamada, verschiedene Wettbewerbe und Spiele durchgeführt werden. Zwischen den Tänzen gibt es dafür Pausen. Manchmal laden die Familien auch Stars ein, die auftreten.

Lesen Sie auch bei Interaktivistan: Kirgisische Feste - Tradition oder Zwang?

Gäste feiern in einem Restaurant eine Beschik-Toi

Beliebte kirgisische Vornamen

Wie in anderen Ländern muss für das Neugeborene ein Name gefunden werden. In Kirgistan suchen der Vater oder die Großeltern den Namen aus. Erstgeborene bekommen immer den Namen der Großeltern.

Viele kirgisische Namen haben eine Bedeutung. Dabei gibt es einen großen Unterschied zwischen Mädchen- und Jungennamen. Mädchennamen haben oft mit Schönheit, Feinheit und Ungewöhnlichkeit, z. B. Farben und dem Mond zu tun. Bei Jungennamen bemühen sich die Eltern, positive Charaktereigenschaften wie Mut, Tapferkeit, Güte und Kraft auszudrücken.

Hier ist eine Auswahl von beliebten kirgisischen Vornamen und was sie bedeuten.

Mädchennamen

Aidai – der Mond
Aijan – die Mondseele
Aizat – das Mondwesen
Altynai – goldener Mond
Ainur – der Mondstrahl
Aiym – die Frau
Begimai – die Mondkönigin
Gulnura – der Blumenstrahl
Meerim – der Glaube
Zhyldyz – der Stern
Cholpon – die Venus

Jungennamen

Adilet – die Gerechtigkeit
Aidar – der Löwe
Atai – berühmter kirgisischer Komuzspieler
Azamat – hervorragend
Kanat – der Flügel
Kubat – die Kraft
Mirza – der Herr
Taalai – das Glück
Tilek – der Wunsch
Syimyk – der Stolz
Ulukbek – heilig, stark
Erkin – die Freiheit

Die Endsilbe -bek bedeutet stark, ein reicher Anführer, ein hoher Rang.


Aishat Sharshekeeva, Altynai Kaldarbekova
Schülerinnen der Schule N°23 (Goethe Gymnasium) in Bischkek


Der Text ist aus einer Zusammenarbeit zwischen Novastan e. V. und dem Goethe Gymnasium im Frühling 2018 entstanden. Der Redakteur Folke Eikmeier besuchte einmal pro Woche den Unterricht und erarbeitete mit den SchülerInnen journalistische Artikel.